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Kunst und Theorie

Zeit:Donnerstag 15:00 – 16:15, Beginn: 21.04.2022

Ort:Vortragssaal, Reinhold-Frank-Str. 81

Vorlesung Prof. Dr. Marcus Steinweg

Negative Gefühle

Oft hat man die Bejahung mit der Gutheißung bestehender sozialer oder politischer Verhältnisse verwechselt. Das Ergebnis ist ein Narzissmus, der von der Negativität lebt, die er als kritische Haltung verkauft. Dabei beginnt doch Kritik mit Selbstkritik, d.h. mit der Infragestellung und Analyse der eigenen Axiomatik. In ihr laufen meist unbemerkt Bejahungen mit. Es geht nicht ohne implizite Affirmationen: Das wiederholt in unzähligen Sätzen der späte Ludwig Wittgenstein. Erst das Denken, das sich seiner Voraussetzungen und Hypothesen klar ist, verdient kritisch genannt zu werden. Man muss wissen, dass man in Verhältnisse, in Kontexte, in Sprache eingebettet ist. Der Berührungspunkt zwischen Wittgenstein und Gilles Deleuze liegt hier: Was Wittgenstein Lebensformen und Sprachspiele nennt, heißt bei Deleuze Konsistenzebene oder Konsistenzmilieu. Ein Minimum an Konsistenz oder schlicht Boden unter den Füßen ist Bedingung der Möglichkeit von Kritik. Kritik, die das nicht sieht, ist keine. Jedenfalls bedarf jede Kritik einer Kritik der Kritik. Sie hilft beides zu vermeiden: 1. Das Schwelgen im Idealismus der Bedingungslosigkeit oder Unmittelbarkeit. 2. Das Sichverrennen in verabsolutiertem Negativismus, in Ressentiment und Hass. Die Bejahung erweist sich als Lebensbejahung. Anders als Negativismus, Ressentiment, Rachsucht und Hass. Der Hass, sagt Deleuze, „ist gegen alles, was im Leben aktiv und bejahend ist, gegen das Leben schlechthin.“

Anmeldung bei Tutorin Martha Burkart: marthaburkart@yahoo.de

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Zeit: Donnerstag 17:00 – 18:30, Beginn: 21.04.2022

Ort: Seminarraum Vordergebäude, Reinhold-Frank-Str. 81, EG

Seminar Prof. Dr. Marcus Steinweg

Kunst und Kapitalismus

In den Minima Moralia begründet Theodor W. Adorno, was er das „objektive Ende der Humanität" nennt, mit dem Verweis auf die totale Objektivierung jedes Individuums. Ihr entspricht der (drohende) Verlust des letzten Rests an Autonomie: „Die Signatur des Zeitalters ist es, daß kein Mensch, ohne alle Ausnahme, sein Leben in einem einigermaßen durchsichtigen Sinn, wie er früher in der Abschätzung der Marktverhältnisse gegeben war, mehr selbst bestimmen kann.“ Was für die Mitte des Zwanzigsten Jahrhundert gilt, gilt heute noch. Wie immer man die Objektivierung oder Verdinglichung erklären mag, die Ökonomisierung aller Selbst- und Weltbezüge der Menschen schrumpft ihre Existenz auf den Konsumentenstatus einer passivierten Existenz zusammen. Eingeschrumpfte Subjektivität, wie sie Adorno im Figurenrepertoire Becketts ausmacht. Und dennoch regt sich auch dort so etwas wie Widerstand. Er kommt nicht aus der Freiheit, sondern verdankt sich ihrer Negation durch die Verhältnisse. Wenn es so etwas wie Freiheit gibt, dann in objektiver Unfreiheit, als das, was seiner Verneinung ohnmächtig opponiert. Autonomie und Freiheit sind damit der Lexik sämtlicher Idealismen entzogen. Sie indizieren, was nötig ist, weil es nicht existiert. So gesehen markieren die beiden Wörter Löcher im Realitätsgewebe. Sie indizieren seine Brüchigkeit, lockern es auf. In seltenen Momenten geben sie die Aussicht auf eine bessere Welt frei. Für diese Aussicht, für ihr Offenhalten, treten Philosophie und Kunst ein, Wissenschaft und politisches Engagement. Von Adorno lässt sich lernen, dass die Hoffnung auf Besseres als das Bestehende, obwohl sie mit Selbsttäuschung koinzidiert, unaufgebbar bleibt. Sich nicht widerstandslos den etablierten Realitäten zu assimilieren, muss kein Indiz politischer Romantik sein. Eher verweist die Assimilationsverweigerung auf Resthumanität im Horizont universeller Zerstörung. Für sie tritt philosophisches, künstlerisches, wissenschaftliches, politisches Denken ein.

Anmeldung bei Tutorin Martha Burkart: marthaburkart@yahoo.de

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Zeit: Freitag 11:00 – 12:30, Beginn: 22.04.2022

Ort: Seminarraum Vordergebäude, Reinhold-Frank-Str. 81, EG

Seminar Prof. Dr. Marcus Steinweg

Engpässe

Kunst komme aus der Schieflage, sagt der Dramatiker Heiner Müller. Nicht aus der Gewinner-, eher der Verliererposition, das heißt desjenigen, der ein Problem hat. Ein wirkliches Problem, nicht eines, das der Zeitgeist ihm diktiert. Ein Problem, das die Existenz des Künstlers im Ganzen betrifft, aktiviert, aber auch verunsichert oder aus dem Tritt kommen lässt.

Man erkennt gute Kunst daran, mit welcher Genauigkeit die Künstlerin oder der Künstler sich an die Bearbeitung ihrer Problematik machten. Es geht nicht ums Therapeutische. Die besten Kunstwerke zeigen die Grenzen des therapeutischen Ethos auf. Dennoch setzen sie eine Art Heiterkeit frei, noch dann, wenn sie sich den unerträglichen Anteilen des Lebens widmen.

Jedes Kunstwerk ist Produkt einer Auseinandersetzung mit dem Realen, wie Jacques Lacan es nennt, mit dem also, womit man nicht fertig wird. Eben deshalb ist Kunst weder idealistisch noch realistisch im einfachen Wortsinn. Sie bewegt sich jenseits dieser falschen Alternative. Indem sie das Wirkliche in seiner Inkommensurabilität konfrontiert, entzieht sie sich solchen Kategorien, die als Beruhigungsmittel fungieren.

Gilles Deleuze schreibt: „Kreatives Schaffen findet in Engpässen statt.“ Es geht nicht um Souveränität und triumphales Besserwissen. Es geht darum, sich seiner Ohnmacht bewusst zu sein, ohne sie narzisstisch zu kapitalisieren. Wer aus seinen Schwächen Kapital zu schlagen versucht, macht unmöglich überzeugende Arbeit. In den Engpässen hat das Subjekt die Chance, zu Erfahrungen zu gelangen, die es vom Kapitalisierungswunsch befreien. Es entdeckt dann die Freiheit, die ohne Besitz auskommt. Aus der Erfahrung solcher Freiheit kann Kunst entstehen, die ermutigt, ohne beschönigend zu wirken, ohne Schönfärberei.

Anmeldung bei Tutorin Martha Burkart: marthaburkart@yahoo.de

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